«Die Flucht in ein neues Leben» – Teil 2

Elahe Mosavi lernt den Beruf Fachfrau Gesundheit. Sie hat als Thema der Vertiefungsarbeit (VA) im 3. Lehrjahr die Flucht ihrer Familie aus dem Iran in die Schweiz aufgearbeitet. In einem Teil der VA beschreibt sie die Flucht aus Sicht eines 5-jährigen Mädchens. Es ist unglaublich, an welche Details der Reise sie sich noch zu erinnern vermag.

Im 1. Teil erzählte sie, wie sie die Flucht von Teheran über die Türkei, den Balkan in die Schweiz erlebte.

Im 2. Teil beschreibt sie, wie sie und ihre Familie die ersten Jahre in der Schweiz erlebten.

Meine erste Zeit in der Schweiz (Juni 2000)

Ich muss ehrlich gestehen, bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich gar nicht, dass es Menschen gibt, die eine andere Sprache sprechen, als meine Sprache (diese ist persisch/ Farsi). Zuhause wurde persisch gesprochen, im Kindergarten auch, bei Familienfesten und Geburtstagen auch. Jetzt bin ich irgendwo gelandet und verstehe kein Wort. Mein Vater meinte dann zu mir, so hört sich die französische Sprache an. Meine Eltern dachten, dass wir in Frankreich angekommen sind, aber da lagen sie wohl falsch.

Uns wurde mitgeteilt, dass es in der Schweiz verschiedene Regionen mit verschiedenen Sprachen gibt. Wo waren wir den jetzt eigentlich? In Lausanne! Die Polizei zeigte uns den Weg in einem Gebäude, wo wir von oben bis unten durchsucht wurden. Sie wollten sehen, was wir dabei hatten. Anschliessend zeigte uns die Polizei den Weg zu einer Unterkunft in einem Flüchtlings-Camp. Es war kein Haus mit einem Dach, sondern kleine kaputte Zelte, die mit Plastik zugeklebt wurden. Dort wohnten sehr viele Familien eng zusammen. In einer ganz kleinen Hütte gab es eine Küche, eine ganz kleine Toilette, daneben eine Dusche, die für ca. 50 Familien reichen mussten. Für mich war das toll.

Jetzt bin ich irgendwo gelandet und verstehe kein Wort.

Endlich konnte ich wieder mit anderen Kindern spielen. Kinder, die meine Sprache sprachen. Die Menschen dort waren alle auch geflüchtet, nur haben sie einen anderen Weg eingeschlagen als wir. Die waren schon alle lang vor uns hier angekommen.

Sie nahmen uns sehr herzlich auf. Auch wenn sie nicht viel hatten, haben sie für uns Neuankömmlinge ein kleines Fest vorbereitet. Es fühlte sich sehr nach Zuhause an. Unser Aufenthalt war nicht von langer Dauer. Es vergingen fünf Tage bis uns mitgeteilt wurde, dass wir weiterziehen können. Mit einem Minibus fuhren wir gemeinsam mit fünf anderen Familien stundenlang durch die Schweiz. Was mir sofort auffiel, waren die viele Frauen draussen auf der Strasse, die kaum Kleider anhatten. Die Menschen sahen für mich total anders aus. Man konnte einfach alles von ihnen sehen.

Was mir sofort auffiel, waren die viele Frauen draussen auf der Strasse, die kaum Kleider anhatten.

Angekommen in Basel begleitete uns auch hier die Polizei in ein Gebäude, dort wurde ein Interview mit meinen Eltern durchgeführt. Sie wurden gefragt, von wo wir kamen, durch welche Länder wir geflüchtet sind. Meine Eltern waren sehr vorsichtig bei ihren Antworten, da die Antworten der Schlüssel zu einem Asylentscheid waren. Nach einer Stunde begleitete uns die Polizei hinaus und führte uns zu unserer nächsten Unterkunft. Diese war auch wieder in einem Flüchtlings-Camp, doch diesmal waren es kleine Häuser mit Dächern. Hier waren aber nicht nur Iraner, es waren Menschen aus vielen Ländern da. Zum ersten Mal sah ich einen Mann, der ganz dunkel war. Ich fragte meine Mutter, warum er so schwarz war. Ich fing an zu weinen, da ich dachte, dass er überall Verbrennungen hatte. Meine Mutter versuchte mich zu beruhigen und zu erklären, dass es viele Arten von Menschen gibt. Diesen Mann konnte ich nie wieder vergessen, nicht nur wegen seiner schwarzen Hautfarbe, sondern weil er tatsächlich eine Pfanne aufwärmte und eine Banane mit der ganzen Schale gebraten hat. So was hatte ich in meinem kurzen Leben noch nie gesehen. Hier in Basel blieben wir ungefähr einen Monat.

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Meine beste Freundin Rowan und ich

Wieder hiess es, dass es für uns weiter geht. Die Beamten zahlten uns das Ticket nach Aarau. In der Nähe vom Kantonsspital Aarau lebten wir knapp einen Monat in Containern, die auf einer riesigen Wiese gebaut wurden. Hier lernten meine Eltern Familien kennen, mit denen sie heute noch Kontakt haben. Der Alltag bestand aus aufstehen, essen, duschen, spielen, essen, schlafen. Nach einem Monat ging die Reise weiter.

Diesen Mann konnte ich nie wieder vergessen, nicht nur wegen seiner schwarzen Hautfarbe, sondern weil er tatsächlich eine Pfanne aufwärmte und eine Banane mit der ganzen Schale gebraten hat.

Hallo Hausen, bei Brugg AG. Hier hatten wir eine ganz schöne Unterkunft. Es war ein weisses Haus und es hatte drei Stöcke. Dieses Haus hatte einfach alles. Viele Schlafzimmer, eine grosse Küche, ein grosses Badezimmer und auch eine Waschmaschine für unsere letzten paar Kleider, die wir noch hatten. Dieses Haus mussten wir noch mit drei anderen Familien teilen. Eine albanische Familie mit fünf kleinen Kindern in meinem Alter und eine arabische Familie mit drei Kindern, die aber schon älter waren als ich und eine russische Familie mit zwei kleinen Kindern. Ein ganzes Jahr wohnten wir in diesem Haus, gemeinsam mit den anderen Familien. Eine Frau namens Shila war die Chefin von unserem Heim. Einmal die Woche kam sie uns alle besuchen und spielte mit uns Kindern. Sie war sehr klein, alt und mollig, hatte blonde schulterlange Haare und lachte immer. Shila hatte immer so schöne Perlenketten an und trug viel Parfüm an sich. Sie hatte auch einen kleinen Chihuahua mit vielen Haaren. Mein Bruder besuchte ganz in unserer Nähe immer morgens den Kindergarten. Nachmittags konnten wir dann wieder endlich gemeinsam spielen. Shila hat mir zu meinem fünften Geburtstag eine Barbie-Etui geschenkt. Dieses Etui hatte drei Fächer mit drei verschiedenen Reisverschlüssen. Ich hatte noch nie so etwas Schönes geschenkt bekommen. Für mich war das eine schöne Zeit, in diesem Haus mit so vielen Kindern zusammen leben zu können. Die albanische Familie wurde zurück geschickt in ihr Heimatland, sie bekamen keine Chance hier in der Schweiz zu bleiben.

Ich als Kinde brauchte keine Privatsphäre aber meine Eltern schon.

Nach einem Jahr mussten wir alle ausziehen und Platz machen für die nächste Familie. Die arabische und die russische Familie mussten auch ausziehen, aber was mit ihnen geschah, wusste niemand. Der Staat schickte der Chefin von unserem Heim einen Brief, darin stand, dass wir ausziehen müssen, zusätzlich vier Zug-/ Busbillette und eine Karte, wo wir wieder Unterkunft finden werden.

Es war Juni 2001

Ein schöner heller sonniger Morgen. Alle wichtigen Sachen waren schon wieder gepackt. Shila begleitete uns noch zum Bahnhof, danach folgte ein kurzer Abschied und schon sassen wir gemeinsam im Zug. Nun waren wir schon mehr als ein Jahr in der Schweiz. Was konnte uns jetzt noch Schlimmes erwarten nach all diesen Hürden? Es hiess nur, dass die neue Unterkunft für eine sehr lange Zeit unser Zuhause sein wird. Meine Eltern beteten für ein schönes Zuhause, doch es war alles andere als schön. Alles war sehr klein und ein riesiger Gegensatz zu den schönen Häusern und Villen im Dorf. Hier mussten wir bleiben, bis entschieden wurde, ob wir als Asylsuchende angenommen werden oder nicht. Das war also unser neues Zuhause. Es gab vier Baracken, je zwei aneinander gebaut. In diesen Baracken gab es ein Schlafzimmer, ein Badezimmer, ein Wohnzimmer, das waren 35 Quadratmeter. Wir schliefen alle in einem Zimmer, da blieb kein Platz für die Privatsphäre. Ich als Kinde brauchte keine Privatsphäre aber meine Eltern schon.

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Flüchtlingsunterkunft in Bergdietikon

Vier Jahre lang lebten wir in grosser Angst, da wir den Entscheid N erhalten haben. N ist ein  negativer Entscheid vom Migrationsamt in Bern. Das heisst, jeden Tag hätte die Polizei bei uns einstürmen können und uns zurück in den Iran schaffen können. Wir hatten nicht länger die Befugnis in der Schweiz zu bleiben. Im Iran wartete die Todesstrafe auf uns, da wir von dort geflüchtet sind. Es blieb uns nichts anderes übrig, als anfangen zu beten. Wir warteten auf ein Wunder, ein Wunder, das uns allen das Leben retten musste. War der ganzer Kampf  und die ganze Flucht für nichts?

Es blieb uns nichts anderes übrig, als anfangen zu beten.

Nach vier Jahren erhielten wir endlich die Aufenthaltsbewilligung F. Es gibt zwei Arten von F, mit der einen Bewilligung F darf man in alle Länder ausser das eigene Heimatland reisen, da man einen blauen Reisepass vom Migrationsamt erhält. Mit dem anderen F, darf man nur in sein eigenes Heimatland einreisen und sonst nirgendwo hin. Wir erhielten die erstere Bewilligung.

In dieser Zeit besuchte ich den Kindergarten. Dort fing ich an, die deutsche Sprache zu lernen. Ich redete einfach drauf los und merkte mit der Zeit, dass all die anderen Kinder mich gar nicht verstanden. Ich wurde ausgeschlossen, niemand wollte mit mir spielen, da keiner mich verstand. Untereinander haben sich alle verstanden, da alle aus der Schweiz waren. Meine Kindergartenlehrerin versuchte mich immer mehr in die Gruppe zu integrieren. Sie gab jedem Kind eine Aufgabe, und zwar musste sich jedes ein Objekt aussuchen und es mir auf Deutsch aufsagen. Z.B. eine Schere oder einen Leimstift. Nach einigen Wochen hatten die Kinder richtigen Spass daran zu sehen, dass ich Fortschritte wegen ihnen machte.

Nach dem Kindergarten wurde ich in eingeschult. Mein Deutsch wurde immer besser. Eines Tages erhielten wir neue Nachbaren, die vis-à-vis von uns in einer anderen Baracke eingezogen waren. Eine kurdische Familie mit fünf Kindern. Vier Jungs und einem Mädchen. Wie es das Schicksal so wollte, lernte ich dort meine beste Freundin kennen. Sie hiess Rowan. Mit ihr erhielt ich nicht nur eine Freundin, sondern auch jemand, der den gleichen Schmerz teilte wie ich. Jemand, der immer da war, wen ich weinte und mich verstand. Sie war nur ein Jahr jünger als ich und ich liebte sie wie eine Schwester.

Nach einigen Wochen hatten die Kinder richtigen Spass daran zu sehen, dass ich Fortschritte wegen ihnen machte.

Neun Jahre lebten wir in dieser Baracke in Bergdietikon AG. Es war mit Abstand die schwerste Zeit für mich, da in dieser Ortschaft sehr viele reiche Menschen lebten. Als ich in die Schule kam, fand ich neue Freunde und als sie mich besuchten und sahen, wie ich lebte, haben sie sich von mir zurück gezogen. Ich als Kind habe es nicht verstanden, weshalb die anderen Kinder mich und mein Zuhause so komisch ansahen. Ein paar Wochen später, haben sie angefangen mir kleine Geschenke zu machen. Farbstifte, Scheren, buntes Papier. Erst dann habe ich begriffen, dass sie mich als ein armes kleines Kind sahen und Mitleid mit mir hatten. Das machte mich so wütend, dass ich mit niemandem ausser mit meiner besten Freundin Rowan Kontakt haben wollte. Denn ich war nicht arm. Ich weiss, dass wir nicht viel hatten, aber ich hatte ein Dach über dem Kopf und genug Essen um zu überleben.

Nach diesen langen Jahren kam endlich der Entscheid, dass wir in eine normale Wohnung ziehen können. Seither wohnen wir in Spreitenbach in einer 3,5-Zimmerwohnung.

4 Gedanken zu “«Die Flucht in ein neues Leben» – Teil 2

  1. Liebe Elahe,
    vielen Dank, dass du uns so an deinem Schicksal teilhaben lässt. Du schreibst gut, ohne Mahnfinfer. Man merkt ja trotzdem, was nicht gut war.

    Ich bin mit 11 in die Schweiz gekommen, nicht als Flüchtling, aber ohne ein Wort deutsch zu können. Die anderen haben mich angeschaut, ich dachte, was stimmt denn nicht an mir. Später sagten sie, sie hätte mich benieden, ich hätte so schöne Hosen angehabt, während sie noch mit Jupes kamen. Kinder schauen, interessieren sich für vieles. Als Kindergärtnerin in Neuenhof hatte ich viele Kinder aus aller Welt. Es ist wie ein bunter Blumenstrauss, so schön.

    Ich bin froh, dass du deinen Weg gefunden hast und wünsche dir alles Gute.

    Mein Hobby ist fotografieren, falls du einmal Bilder haben willst, mache ich gerne welche mit dir . Und wenn es einen Teil 3 gibt, lese ich den gerne.

    Liebe Grüsse Mirjam

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Mirjam

      Als erstes möchte ich mich herzlich dafür bedanken, dass du dir die Zeit genommen hast um das ganze zu lesen. Für meine Abschlussarbeit, konnte ich mir einfach kein besseres Thema vorstellen, als über mein eigenes Leben zu schreiben. Es ist schwer für ein kleines Kind zu verstehen, warum das alles passieren musste und warum es so anders behandelt wird.

      Ich mag Fotos 🙂
      In welcher Art hast du dir vorgestellt Bilder zu machen? Arbeitest du immermoch als Kindergärtnerin?

      Ganz liebe Grüsse und ein schönes Pfingstwochenende.
      Elahe 🙂

      Gefällt 1 Person

      1. Hallo Elahe 🙂 ,

        schön, so schnell eine Antwort zu bekommen, danke. Ich bin nur noch ehrenamtlich 1x pro Woche im Kindergarten.

        Ich habe mir vorgestellt mit dir irgendwohin zu gehen, wo es dir gefällt, z. B. an die Aare, oder nach Lenzburg zum Schloss, oder am Staufberg etc und dich vor einem schönen Hintergrund zu fotografieren. Du könntest auch deine Freundin mitbringen.
        Den Kinderbildern nach zu schliessen hast du ein schönes, interressantes Gesicht, und es wäre sicher interessant, dich etwas kennen zu lernen.
        Dir auch noch einen schönen Tag morgen, dann ist Pfingsten schon vorbei.
        Gruss
        Mirjam

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